Immer wieder, wenn meine Tochter, die in der Vorschulphase steckt, und ich das Haus verlassen wollen, stellt sie mir eine Frage: „Mama, darf ich heute meinen Hijab anziehen?“

Es ist merkwürdig. Normalerweise müsste ich als Muslima, die sich bedeckt, pure Freude empfinden. Und ja, diese empfinde ich auch, seit einigen Monaten allerdings sehr gedämpft.

Nach kurzem hin und her Überlegen laufe ich schließlich immer zum Spielschrank der Kinder. Hier oben steht die Hijab-Tasche meiner Tochter. Sie sammelt hier ihre schönsten Tücher. Rosa, zartes Hellblau, Weiß mit goldenen Fäden, Blümchenmuster, rote und viele andere farbenfrohe Tücher zählt sie stolz zu ihrer eigenen Kopftuchsammlung. Im Schrank darunter ist ihre Kleidersammlung, die sie dann immer mit ihren Tüchern kombiniert. Ich helfe ihr beim richtigen Aufsetzen ihres Tuches und dann wirft sie einen Blick in den Spiegel. Sie dreht ihren Kopf nach links, dann nach rechts und ihr kindliches Lächeln breitet sich auf ihren Lippen aus: „Danke, Mama. Jetzt sehe ich auch aus wie eine Muslima“, sagt sie oft.

Meine Tochter liebt es zu verschiedenen Anlässen ihren Hijab anzuziehen. Ob bei Besuchen, zum Einkaufen, beim Stadtbummel, in der Moschee oder im Kindergarten. Sie strahlt jedes Mal, wenn sie mit Hijab das Haus verlässt und ist stolz darauf, als Muslima erkannt zu werden. Sie kommt auf mich und meinen Mann zu, um Hilfe beim Anziehen des Kopftuches zu erhalten und ist sauer, wenn mein Mann und ich nicht sofort mit einem ihrer bunten Tücher bereitstehen. Es ist ihre Entscheidung, sich immer wieder so zu kleiden und das macht mich als muslimische Mutter natürlich glücklich. Denn alle Eltern sind froh, wenn ihre eigenen Kinder einen Teil der Lebensweise der Eltern nachleben und ausprobieren wollen. Ich spreche hier natürlich von gesunden und sicheren Lebensstilen.

Doch was ist der Dämpfer, der mir seit einiger Zeit in der Brust sitzt?

Meine Tochter und ich kamen letztens vom Einkauf zurück, als wir bemerkten, dass eine Gruppe von jungen Männern uns böse anstarrte. Das war uns an diesem und anderen Tagen schon oft aufgefallen – die Leute schauen fassungslos zuerst auf meine Tochter und dann auf mich. Wenn mein Mann mit Bart dabei ist, sind die Empörung und das Getuschel noch größer. Nun mussten wir aber an der Gruppe junger Männer vorbei und versuchten die Blicke zu ignorieren. Die Haltestellen und der Gehweg waren voller Menschen und wir bahnten uns unseren Weg zur Ampel. Als wir nah genug an der Gruppe waren, schrieh einer der Typen plötzlich meine Tochter an: „Scheiß Kopftuch!“, den Rest verstanden meine Tochter und ich akustisch nicht.

Auf der anderen Straßenseite sah mich meine Tochter traurig an und fragte: „Hast du das gehört, Mama? Der hat ´Scheiß Kopftuch` gesagt!“ „Ja, Schatz. Ist nicht schlimm. Das war ein blöder Mann, es ist nicht wichtig, was der sagt“, versuchte ich die Situation für sie zu entschärfen. Meine Tochter schaute noch immer entsetzt und traurig drein. Kurz vor der Haustür fragte sie mich schließlich etwas, was mich unglaublich traurig machte: „In welchem Land können wir leben, wo uns niemand so etwas sagt und wir sicher sind, Mama?“

Diese Frage tat mir weh, denn die ehrliche Antwort lautete: „In einem der Länder, wo die meisten Menschen Muslime sind.“ Das zu sagen ist schwer, denn ich bin Deutsche und auch für meine Kinder ist Deutschland ihr Herkunftsland. Doch leider ist es die Wahrheit. Neben all den schönen Begegnungen, die es immer mal wieder im Alltag gibt, erlebe ich als Muslima leider selbst im Westen Deutschlands zunehmend Anfeindungen. So wie an diesem Tag.

Wie kann man einem Kind nur solche Angst einjagen? Wie kann man sich diesen kleinen Menschen als Feind und als Angriffsfläche zu Nutze machen? Denkt diese Art von Leute denn, dass Kinder anderer Religionen oder Nationen es nicht verdient haben, unbeschwert zu leben, ohne angepöbelt oder verängstigt zu werden?

Ich verstehe, dass es für viele Mitmenschen befremdlich ist, ein Kind mit Kopftuch zu sehen. Man mag sich die Frage stellen, warum es das trägt, ob es das freiwillig tut, oder, oder, oder.

Eine meiner Freundinnen ist eine jüdische Aktivistin, die sich seit vielen Jahren für die Rechte der Palästinenser einsetzt. Sie war bereits in Palästina und ist eine sehr aufgeschlossene und tolerante Person. Selbst diese Frau, die schon viel erlebt und gesehen hat, musste ihre Eindrücke von den Mädchen mit Kopftuch, die sie in Palästina und Teilen Israels sah, mit mir besprechen.

Doch genau so viel Verständnis, wie ich für die Fragen der Nichtmuslime habe, habe ich Sorge um meine Tochter. Ich möchte dazu beitragen, dass die Leute verstehen, dass muslimische Mädchen bereits in sehr jungen Jahren gerne ihren sogenannten Hijab tragen.

Sie schauen ihren Müttern jeden Tag dabei zu, wie sie ihre eleganten, langen Tücher um ihre Köpfe und die Schultern legen. Sie sehen jeden Tag dabei zu, wie ihre Mütter voller Stolz und Liebe so gekleidet das Haus verlassen. Wie das Tuch der Mutter im Wind weht und manchmal dabei zart den kleinen Arm streift. Sie sehen in ihren Müttern Vorbilder und wollen sie nachahmen. Je älter sie werden, desto tiefgründiger verstehen sie, warum die Mama sich so kleidet und so manche kleine Muslima möchte dann auch diesen Weg gehen.

Wir sollten uns vor Augen führen, dass es in der Veranlagung der Kinder liegt, ihren Eltern nachzuahmen.

Und dass es zum Selbstfindungsprozess der Kleinen gehört. So wie das Nachbarsmädchen gerne die hohen Schuhe der Armee anzieht, so ziehen sich manche muslimische Mädchen liebend gerne bunte Tücher an.

Das alles hat also nichts damit zu tun, dass die muslimische Familie das Kind sexualisiert und verstecken will. Sondern es entspricht einem völlig normalen kindlichen Verhalten.

An dieser Stelle möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass es in Einzelfällen leider tatsächlich sehr traditionelle Familien gibt, die wenig Ahnung vom Islam haben und ihre Töchter und Söhne zu Dingen zwingen, was unangebracht ist, aber das ist eben nicht die Regel und sollte nicht davon abhalten, dass man stets offen in die Situationen gehen sollte.

Lasst den Mädchen also die Chance, ihren Müttern nachzuahmen und raubt ihnen nicht ihre Unbeschwertheit durch eure eigenen Vorurteile und Ängste.

Wie verlief nun das restliche Gespräch zwischen mir und meiner Tochter?

„Mama, ich denke, ich ziehe nie wieder meinen Hijab draußen an. Sonst schreit mich nochmal jemand an.“ Gekränkt saß sie auf ihrem Bett und legte das Tuch neben sich.

„Schatz, du bist so stark. Du entscheidest, wie du dich kleidest, und keiner hat dir zu verbieten, deinen Hijab zu tragen. Genau das ist es ja, was der Shaytan will. Er freut sich gerade, dass dieser böse Mann dir Angst machen wollte und hofft, dass du schwach bist und jetzt nie wieder als Muslima erkennbar sein willst“, ich legte meinen Arm um sie. Da schaute mich meine taffe Tochter an und sagte: “ Pf, ich weiß, wer stärker als dieser blöde Shaytan ist – Allah! Ich habe keine Angst vor dem Shaytan. Jetzt trage ich es trotzdem. Ich ziehe an, was ich will!“

Möge Allah unsere Kinder in der Religion festigen und sie schützen, amin!

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Ich bin Mama, gehe einer Selbstständigkeit nach und bin verheiratet. Als Deutsche hat Allah ta´ala mir einen wunderschönen Weg der Erkenntnis bereitet und das schon in sehr jungen Jahren. Als Bloggerin bei Radio Uahid berichte ich von meinen alltäglichen und besonderen Erlebnissen als Muslima.

1 KOMMENTAR

  1. Salam alleikom wa rahmatullah Wa baraktuh meine liebe Schwester. Möge ALLAH euren Glauben und eure Würde schützen euch auf eurem Weg stärken. Ich kenne leider diese Vorfälle sehr gut. Die Beitrag hat mich sehr berührt und ich konnte mich sehr gut wieder finden .Du hast mir aus der Seele gesprochen.
    BarakALLAH Hu fiki. Deine Schwester im Islam
    Um Mohamad

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