Wir alle kennen die schrecklichen Bilder und Nachrichten aus dem Fernsehen und von Youtube. Kinder die verstümmelt wimmern, Mütter, die tot neben ihren Babys liegen und Männer die, bedeckt vom Staub des Schutts, verzweifelt in die Kamera schreien. Für die meisten jedoch sind dies nichts weiter als Bilder, die für einen kurzen Moment die Emotionen zum Kochen bringen und manchmal dazu führen, dass man spendet.

Natürlich. Wir leben in Deutschland, einem sicheren Land ohne Krieg und Vertreibung. Wir drücken auf den Knopf und klicken oder schalten die unbarmherzigen Bilder weg, wenn es uns zu viel wird. Doch für mich sind diese Bilder eine Fortsetzung dessen, was ich zum Teil selbst erlebt habe. Ja richtig, ich habe diese schrecklichen Gräueltaten miterlebt, damals als alles begann.

Im Frühjahr 2011 reisten mein Mann, meine damals 6 Monate alte Tochter und ich ins noch sichere Syrien. In den anderen arabischen Ländern loderten bereits die ersten Revolutionen auf, doch wir dachten uns nichts dabei und waren auf eine schöne Reise voller Wiedersehensfreude und toller Erlebnisse vorbereitet. Wie schnell sich dies ändern sollte, erfahrt ihr in diesem mehrteiligen Erlebnisbericht von den Anfängen der syrischen Revolution.

Erster Tag:

In der Nacht zuvor kamen unangemeldet und im Schutz der Dunkelheit, einige Familienmitglieder zu uns und weihten uns über die heimlich organisierte Demonstration am Folgetag ein. Weder Handys noch Laptops durften in der Nähe sein, denn der syrische Geheimdienst hat überall seine Ohren.

Demonstriert werden sollte gegen den korrupten Bürgermeister der Stadt, für Reformen vor Ort, nicht gegen Assad. Im Fernsehen werden die Revolutionen in Tunesien und Ägypten verfolgt. Hoffnung breitet sich aus unter vielen Syrern, dass auch hier etwas bewirkt werden kann.

Der Morgen bricht herein. Ein Teil der Familie macht einen Ausflug. Eine bedrückende Atmosphäre lastet auf uns. Wie wird die erste Demonstration verlaufen?

Wir warten auf die Ankunft der Männer aus der Familie, welche an der ersten friedlichen Demonstration gegen den korrupten Bürgermeister teilnehmen. Wir sehen Helikopter über dem Demonstrationsgebiet ihre Kreise ziehen.

Als die Männer eintreffen, erzählt der eine, noch sichtlich geschockt, dass die sog. „Sicherheitspolizei“ auf die friedlichen Demonstranten geschossen hat und es Tote gibt.

Genau in diesem Moment schoss ich ein Foto von meinem Mann und seinem Verwandten. Ich habe es noch heute. Wie geht es jetzt weiter? Wo doch gleich zu Beginn so brutal gegen Demonstranten vorgegangen wird?

Einige Tage später:

Mein Mann und ich schlafen mit unserem Baby im Arm, als in der Nacht eine Schwester und die Schwägerin an unsere Zimmertür klopfen. Sie bitten uns auf das Dach des Hauses, von wo aus wir Schüsse aus der Ferne hören können.

Die Nacht ist dunkel. Ein kühler Wind weht. Das Geräusch der automatischen Waffen ist unglaublich angsteinflößend. Überall auf den Dächern und Veranden stehen Menschen und versuchen, so wie wir, herauszufinden, aus welcher Richtung die Schüsse kommen und warum geschossen wird.

Leise flüstern sich mein Mann und seine Familie auf Arabisch Dinge zu. Wir rätseln alle, was vor sich geht. Eine andere Schwester meines Mannes steht auf dem Dach des Hauses gegenüber von uns, in ihrer weißen Gebetskleidung. Sie sieht gespenstisch aus. Immer wieder Schüsse.

Plötzlich läuft ein Mann auf der Straße, die in die Richtung der Schüsse führt und ruft:

„Oh ihr Menschen, kommt raus. Es hat begonnen. ALLAHU AKBAR!!!!“

Ich gehe hinunter, vollziehe die Gebetswaschung und beginne zu beten, in der Hoffnung, dass, falls sie uns erschießen, ich im Gebet und mit Wudhu sterbe, da wir nicht wussten, was genau los war.

Später erfuhren wir, dass dies die Nacht war, in der die ´Omeri-Moschee von der Sicherheitspolizei gestürmt und die sich darin befindenden Männer verhaftet oder erschossen wurden. Es gibt ein Video, wie diese Monster sich stolz gegenseitig filmen und durch die Moschee schlendern. Wir schauten es uns immer wieder an. Allahu_l-musta´an.

Wieder einige Zeit später:

Ich werde aus dem Mittagsschlaf gerissen, indem mir meine kleine Tochter in die Arme gedrückt wird und eine Schwester meines Mannes sagt, dass er und sein Bruder raus wollen. Ich wundere mich darüber, ahne schreckliches und stürme aus dem Zimmer.

Im Flur stehen vielen Familienmitglieder und reden laut durcheinander. Dass einige Männer hier sind, die sonst nicht in diesem Haus leben, bestätigt meine Sorge. Auf meine Frage was denn los sei, antwortet mein Mann aufgeregt: „Hörst Du das denn nicht?“. Es sind Stimmen mehrerer tausend Männer zu hören, die „ALLAHU AKBAR!“ und anderes brüllen.

Nun ist klar, dass es eine Demonstration gibt und mein Mann dieses Mal teilnehmen will. Panisch und mit dem lächelnden Baby im Arm, lege ich meine Hand auf seinen Arm. Ich sage ihm, dass es Irrsinn ist, jetzt raus zu gehen, da bald die Scharfschützen schießen werden. Doch verständlicherweise hört er nicht auf mich und verschwindet mit den Männern der Familie, um aus dieser Diskussion mit uns Frauen zu fliehen.

Wir Frauen laufen eilig auf die Dächer und schauen unseren Männern, die in die Autos steigen und sich auf die Motorräder werfen, hinterher, mit der bangen Frage im Hinterkopf, ob wir sie je wieder lebend sehen werden.

Die Demonstration ist in der Nähe des Hauses in vollem Gange. Wir erblicken sie jedoch nicht. Nur die lauten Stimmen lassen uns wissen, dass noch nicht geschossen wurde. Kaum sind die Männer weg, fangen diese schrecklichen Monster des syrischen Regimes an, die Menschen abzuschlachten. Sie schießen in die Masse und machen vor nichts halt. Wir Frauen hören alles.

Die Stimmen der Männer werden immer leiser, bis sie ganz versagen. Wir brechen fast alle zusammen und fangen an zu weinen, da wir glauben, dass auch die Männer unserer Familie tot sein könnten. Einige von uns schreien laut vor sich hin. Andere stehen stumm da. Kinder ziehen an den Gewändern ihrer Mütter, doch sie bekommen keine Antwort.

Ich zittere am ganzen Körper. Meine Tochter fest umklammert versuche ich, die Treppen zurück ins Haus hinabzusteigen, ohne zu stürzen. Meine Beine scheinen nicht mehr Teil meines Körpers zu sein. Ein Schluchzen verlässt meine Kehle, Tränen tropfen auf das kleine Gesicht meines Mädchens. Mit hellblauen Augen und einem fröhlichen Gesicht strahlt sie mich an.

Ich sacke auf eines der grünen Sofas, weine und flüstere: „La ilaha illAllah“. Immer und immer wieder. Meine Worte werden eins mit den Schüssen der unerbittlich tötenden Gewehre.

Die Männer strömen nach und nach zurück in ihre Häuser. Wir Frauen schauen in jedes einzelne Auto, in der Hoffnung, meinen Mann und seinen Bruder darin zu sehen – möglichst lebendig. Einige der Zurückkehrenden rufen uns zu: “Die Straßen sind voller Blut!“. Das schöne Gesicht meines geliebten Mannes lächelt mich vor meinem inneren Auge an.

Nach einer halben Stunde der erlösende Anruf, dass sie ein Versteck gefunden haben und es ihnen gut geht. Auch hiervon haben wir uns, als wir wieder in Deutschland waren, immer wieder die Videos angeschaut. Menschen, deren Blut die Straßen tränkte. Überall.

Mein Mann und seine Verwandten sind erst spät zur Demonstration dazugestoßen, was ihnen das Leben retten sollte – Allah sei Dank! Ich danke Ihm so sehr, dass er mir den Ehemann und meiner Tochter den Vater gelassen hat, denn so konnten sie flüchten, als die Sniper von den Hausdächern schossen, während jene, die in der Mitte des Demonstrationsblocks standen, erbarmungslos niedergeschossen wurden. Dies war der Beginn der syrischen Revolution.

Fortsetzung folgt!

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