Es ist Feierabendzeit. Die Straßenbahnen sind überfüllt. Als ich, total erschöpft von der Arbeit, einen Sitzplatz ergattere, fährt noch im letzten Moment ein junger Rollstuhlfahrer in die Bahn. Er sitzt in seinem Rollstuhl nun direkt neben meinem Sitz und schaut immer wieder zu mir, so als wollte er etwas sagen.

Auch die meisten der Umstehenden schauen mich immer wieder an, denn in Dresden ist es nicht üblich, dass man Frauen mit Kopftuch sieht. Und schon gar keine deutschen Frauen. Also denke ich mir nichts dabei und schaue einfach weiter aus dem Fenster.

„Entschuldigung“, überwindet sich der Rollstuhlfahrer nun doch noch und lächelt mich an. „Ja?“, antworte ich ebenfalls lächelnd und bin gespannt, was er zu sagen hat. „Sie sehen wunderschön aus. Das wollte ich ihnen nur sagen“. Ich bin extrem überrascht. Alle Leute, die hören konnten, was er sagte, schauen uns nun abwechselnd an. „Was soll ich denn nun antworten?“, stelle ich mir sowohl geschmeichelt als auch beschämt die Frage und antworte nur plump: „Ähm, danke“.

„Ich finde wirklich, dass sie schön sind. Und ich finde es gut, dass sie dieses Kopftuch tragen. Wissen sie, ich habe früher viel falsch gemacht. Und nun sehe ich viele Dinge ganz anders“, fährt er fort. „Oh, danke. Das ist wirklich sehr nett von Ihnen. Was meinen Sie denn?“, frage ich ihn interessiert. Immer noch lauschen alle Mitpassanten aufmerksam und einige staunen sichtlich, dass ich höflich auf den jungen Mann eingehe.

Er begann zu erzählen: „Es ist mir unangenehm das zu sagen, aber ich war früher ein Neonazi. Ich bin da so reingerutscht durch neue Freunde. Sie haben mich fasziniert und ihre Ideologie leidenschaftlich vertreten. Irgendwann hat es auf mich abgefärbt. Ich war noch sehr jung und naiv. Dadurch habe ich mit meinen damaligen Nazifreunden leider viele schlimme Dinge getan. Ich bereue es sehr!“. Ich bin noch mehr überrascht. „Das klingt nicht gut. Nein, das klingt ganz schrecklich. Warum haben Sie doch noch Ihre Einstellung geändert?“, frage ich. Die Bahn hält an, es steigen Menschen aus und andere steigen ein.

„Wir haben viel getrunken, nur Mist im Kopf gehabt und waren ständig zusammen unterwegs. Doch eines Tages hatte ich einen schweren Autounfall. Danach verbrachte ich eine lange Zeit  im Krankenhaus. Die Diagnose war Querschnittslähmung. Ich war am Boden. Und meine Freunde? Die kamen mich nicht besuchen. Sie haben mich von da an gemieden und kein Interesse mehr an mir gezeigt. Das hat mir die Augen geöffnet. Von wegen deutsche Kameraden gehen durch dick und dünn. Von wegen Zusammenhalt, egal was kommt. Ich lernte auf die harte Tour, dass diese Menschen nichts Gutes in sich tragen und dieser Weg nicht der richtige ist“.

„Dann hatte dieser Unfall also auch etwas Gutes, in gewisser Weise“, dachte ich laut nach. So leid es mir auch tat, dass dieser junge Mensch für den Rest seines Lebens behindert sein würde. Wenn ich daran dachte, was er anderen Menschen angetan hatte, dann konnte ich doch etwas Positives in dieser Situation sehen.

„Ja, Sie haben Recht! Ich bin froh aufgewacht zu sein und dass ich dieser schrecklichen Ideologie nicht mehr blind folge. Ich danke Ihnen fürs Zuhören. Sie sind mir sofort aufgefallen und ich hatte das Bedürfnis mit Ihnen zu sprechen. Es war schön Sie kennen gelernt zu haben“. Er rollte an die Tür, um auszusteigen. Auch ich musste an dieser Haltestelle raus. Unsere Wege trennten sich. Wir verabschiedeten uns und ich atmete die kühle Luft ein.

Das war eine Erfahrung, die eine meiner Interessantesten war. Ich bin sehr dankbar, sie erlebt zu haben. Was wohl aus diesem Mann geworden ist? Würde man ihn auf den Gegendemos zu PEGIDA finden?

Manchmal stelle ich mir diese Fragen, aber eine Antwort bekomme ich wahrscheinlich nie.

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