Wir alle kennen es. Jede von uns Muslimat wurde mindestens einmal in ihrem Leben entweder angestarrt oder mit diskriminierenden Sprüchen bedacht. Je nach Stadt und Ort in Deutschland sind die Übergriffe öfter oder gewalttätiger. Neben all diesen negativen Dingen erleben wir natürlich auch immer mal wieder Positives, wie ich in meinen letzten Artikeln zum Thema „Begegnungen“ („Ein unverhofftes Erlebnis mit einem ehemaligen Nazi“ & „Alltägliche Begegnungen einer Terroristenschlampe“) versucht habe aufzuzeigen. Doch leider sind die negativen Begegnungen eben doch in der Überzahl oder zumindest einschneidender, da sie unser Leib und manchmal gar unser Leben gefährden.

Von den älteren Damen, die im Vorbeigehen gerne mal einen Ellenbogen in unsere Rippen boxen, die Busfahrer, die uns draußen stehen lassen oder den ganz heftigen Angriffen in Form von ausgedrückten Zigaretten an unseren schönen Tüchern oder den Schlägen ins Gesicht, lässt sich heutzutage leider alles auf den Straßen Deutschlands erleben bzw. beobachten.

In einigen Gebieten ist es gar ratsam, nicht mit seiner islamischen Kleidung das Haus zu verlassen. Manchmal wägt man sogar ab, welche Farbe und Größe man heute lieber tragen sollte, damit sich so wenig Leute wie möglich „angesprochen“ oder „provoziert“ fühlen.
„Was für eine Schande!“, denke ich mir dann stets. Denn fürchten muss ich allein meinen Herren, den Schöpfer der Menschen.

„AudhubiLLAHI Min-al-Shyatanir-Rajiim – Ich suche Zuflucht bei Allah vor dem üblen Teufel. Genau das ist es doch, was sie wollen. Einschüchterung! Nein, ich beuge mich dem nicht. Ich ziehe die Farbe und die Größe meiner Tücher an, in denen ich mich wohl fühle. Punkt!“, und so verlässt man dann erhobenen Hauptes das Haus. Im besten Fall.

Und doch ist es nicht immer so einfach. Der Druck, der auf uns lastet ist enorm. Schon all die Blicke, die sich auf uns richten, wenn wir die Sporthalle beim Kindersport betreten oder einen Bücherladen, sind beklemmend. Die spitzen Kommentare in der Schule, Uni oder auf der Arbeit, oder die Ausgrenzung, wenn wir uns mit Kopftuch und bester Qualifizierung motiviert und arbeitswillig bewerben, sind stets ein Stich ins Herz.

In der Regel kann man die alltäglichen Begegnungen mit einem Lächeln oder Augenrollen hinnehmen. Es ist ja auch nicht immer gleich schlimm. Im Winter ist es beispielsweise sehr viel einfacher, als eine durch die Kleidung erkennbare Muslima, am Leben in der Gesellschaft teilzunehmen.

Manchmal gibt es Phasen, da nimmt man die Kommentare und Blicke kaum noch wahr, oder man bekommt mehr freundliches und offenes Feedback mit auf den Weg. Wie letztens, als eine ältere Dame mir beim Einkaufen sagte: „Sie sehen sehr schön aus!“, während sie den Blick an meinem Tuch entlangschweifen lies. So etwas erwärmt das Herz und tut einfach nur gut.

Was also tun, wenn man beleidigt oder gar angegriffen wird?

Geschieht dann aber irgendwo auf der Welt wieder ein Terroranschlag, oder schreibt die Presse wiedermal ausführlich über „muslimische Diktatoren“, spannt sich die Situation wieder extrem an.Was also tun, wenn man beleidigt oder gar angegriffen wird?

Rechtlich gesehen, habt ihr in der Regel die Möglichkeit, gegen die Täter vorzugehen. Ob die rechtlichen Schritte fruchten ist allerdings eine andere Geschichte. Beweislage und Zeugenaussagen sind stets wichtige Aspekte bei Strafanzeigen. Eine Anzeige wegen Beleidigung, übler Nachrede oder Verleumdung könnt ihr bei der Polizei aufgeben, am besten mit Hilfe eines Anwaltes oder besser noch einer Anti-Diskriminierungs-Organisation.

Bei derartigen Anzeigen gibt es nämlich diverse Feinheiten zu beachten. Wenn euch beispielsweise jemand als „scheiß Ausländer“, oder „Rassenschande“ beschimpft, würden andere Paragraphen greifen, als wenn euch jemand unterstellt, ein „Terrorist“ zu sein. (Rassenschande bspw. kann in den Bereich der Volksverhetzung oder Verfassungswidrigkeit fallen.)

Tätliche Übergriffe, wie Schlagen, ziehen am Kopftuch, der Versuch eure Kleidung anzuzünden und ähnliches fallen wiederum unter eigens dafür angesetzte Paragraphen. So findet man im Strafgesetzbuch im Abschnitt 17 ausschließlich zum Thema „Körperverletzung“ die dafür ausschlaggebenden Paragraphen. Denn Körperverletzung ist nicht gleich Körperverletzung. Vielen von euch sind wahrscheinlich Begriffe wie „vorsätzliche Körperverletzung“, oder „leichte, oder schwere Körperverletzung“ bekannt.

In jedem Fall ist es, wie oben schon erwähnt, immer ratsam sich professionellen, rechtlichen Beistand zu besorgen, denn so werdet ihr entlastet und bestmöglich beraten. Glaubt mir, auch diese Erfahrung habe ich schon machen können. Besonders Organisationen, die sich auf die Unterstützung von Opfer rechter Gewalt spezialisiert haben, sind ein Segen Allahs!
Denn in der Regel sitzen da Leute, die nicht nur rechtlich versiert sind, sondern auch weltoffen, tolerant und interessiert an eurem Schicksal. Sie versuchen euch die bestmögliche Unterstützung zu bieten, die ihr in diesem aufreibenden Nerven- und Papierkrieg benötigt.

Ein kurzes Beispiel: Meine damals zehnjährige Schwester wurde angespuckt, als sie mit mir unterwegs war. Ich bin dem Mann hinterhergerannt, ohne, dass er es bemerkt hat und habe ihn mit Hilfe der Polizei überführt. Es wurden eine Speichelprobe genommen und Zeugenaussagen aufgenommen. Unser Fall kam in die städtischen Nachrichten der Zeitung. Kurze Zeit später meldeten sich die Leute von RAA Sachsen e.V. und unterstützen uns bis zum Ende des Gerichtsprozesses. Ich bin Allah sehr dankbar dafür, dass Er ta´ala uns diese lieben und engagierten Menschen geschickt hat.

Am Ende müsst ihr stets für euch selbst entscheiden, wann und in welchem Umfang ihr euch Hilfe holen wollt. Viele von uns haben schon resigniert und empfinden die regelmäßigen Übergriffe nicht mehr als etwas Abnormales. Manche von uns leben auch einfach in Gegenden Deutschlands, wo ihnen derartiges selten passiert.

Besonnenheit und Härte

Meine ganz persönliche Einstellung ist folgende: Ich versuche mich am Beispiel unseres geliebten Propheten Muhammad (ﷺ) zu halten. Blosse Beleidigungen, wenn sie beispielsweise im Vorbeigehen auf der Strasse passieren, ignoriere ich. Anrempeln ebenfalls, da die Täter dann meist schon entschwunden sind. Dies deshalb, weil auch der Prophet (ﷺ) bespuckt und beleidigt wurde und doch verhielt er sich öfter so, dass Er (ﷺ) besonnen und geduldig auf die Anfeindungen reagierte. Voller Vertrauen auf Allah, dem Allwissenden.

In dem Gesandten Allahs habt ihr wirklich ein schönes Beispiel für jeden,
der auf Gott und den Jüngsten Tag hofft und oft Gottes gedenkt.
(Koran, Sure Al-Ahzab (33), Vers 21)

Jedoch gibt es selbstverständlich auch hier eine Grenze. Ich verstehe mich nicht als Boxsack, der für die Ängste und Aggressionen anderer herhalten muss. Also achte ich darauf, dass mir oder meinen Kindern körperlich keiner zu nahekommt! Gerade bei Beleidigungen seitens Krankenhauspersonal, Beamten u.ä., oder wenn es um Angriffe auf Kinder geht, habe ich mir mittlerweile aus einem einfachen Grund angewöhnt, mich rechtlich zu wehren.

Warum? Weil ich dazu beitragen will, dass der Bundesregierung endlich klar wird, dass wir hier ein riesen Problem haben – nämlich die ISLAMOPHOBIE. Je mehr Muslime Anzeige erstatten und sich endlich rechtlich zur Wehr setzen, desto größer wird das öffentliche Interesse und damit der Druck auf die Politik und damit dann auch hoffentlich die Präventionsarbeit gegen die weitverbreitete Islamophobie.

Es muss endlich gesehen werden, was in diesem eigentlich schönen Land, tagtäglich mit muslimischen Mitmenschen geschieht! Wir leben in Deutschland und von jedem hier lebenden Menschen wird erwartet, dass sie/er sich an die hiesige Gesetzgebung hält. Natürlich. Also kann ich das auch von denen einfordern, die sich als „strammdeutsch“ oder „Beschützer ihres Vaterlandes“ o.ä. sehen.

Euer Land? Es ist auch meines! Also haltet euch endlich an das Grundgesetz!

Ist das Naiv? Ich weiß es nicht. Mein Herz kann diese Ungerechtigkeit nur eben nicht unkommentiert stehen lassen.

Eure Namika

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Ich bin Mama, gehe einer Selbstständigkeit nach und bin verheiratet. Als Deutsche hat Allah ta´ala mir einen wunderschönen Weg der Erkenntnis bereitet und das schon in sehr jungen Jahren. Als Bloggerin bei Radio Uahid berichte ich von meinen alltäglichen und besonderen Erlebnissen als Muslima.

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